
Buchvorstellung: Designing Coffee von Lani Kingston
Was zeichnet modernes Café-Design aus? Wie lassen sich Individualität und Attraktivität für die Gäste vor dem Tresen mit Funktionalität für die Menschen dahinter verbinden? Die Autorin Lani Kingston präsentiert in „Designing Coffee“ richtungsweisende Beispiele aus der ganzen Welt. Jan-Peter Wulf stellt ihr Buch vor.
Kaffee ist eines der ältesten Getränke der Welt – doch erfindet sich immer wieder aufs Neue. Man erinnere sich, wie hierzulande der klassische Filterkaffee in den 1990er-Jahren von Espresso und Cappuccino aus Italien „aufgemischt“ wurde, während diese ab den Nullerjahren von üppigen, mit Sirups verfeinerten amerikanischen Coffee-Kreationen kräftig Konkurrenz bekommen sollten. Wieder eine Dekade später begann handwerklicher Kaffee zu boomen – Specialty Coffee mitsamt filigraner Zubereitungstechniken. Heute existieren viele Kaffee-Kategorien vom hippen Cold Brew über Espressi mit ausdifferenzierten Röstprofilen bis zum Filterkaffee, der sein großes Comeback erleben durfte, nebeneinander. Und es geht weiter: Aktuell etwa kommt der Robusta aus Vietnam in Mode und wird mit eigenem, asiatischem Store-Design in Szene gesetzt.
Wer in der enormen Angebotsvielfalt der Kaffee- und Caféwelt herausstechen und eine Marke aufbauen will, braucht ein klares, eindeutiges Konzept – und das gilt für Solitärbetriebe genauso wie für Ketten. Doch was macht Café-Design erfolgreich? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Food-Journalistin, Autorin und Beraterin Lani Kingston in ihrem neuen Buch „Designing Coffee“. Auf den ersten Blick ein typisches „Coffeetable Book“, welches mit schönen großen Bildern von Café-Konzepten aus aller Welt zum entspannten Durchblättern animiert, ist es doch viel mehr als dieses: Jedes der rund 60 präsentierten Konzepte fungiert als Beispiel für die Kreation einer individuellen Markenidentität – und lässt sich so als Inspiration für den eigenen Betrieb hervorragend verwenden.

Kalifornien in Hongkong
Da wäre zum Beispiel das „Melrose Coffee“ in Hongkong. Der Name lässt es bereits anklingen: Es geht um Los Angeles bzw. Kalifornien. Die Idee des Konzepts, das die Inhaberin Cristole Lai mit der Designagentur „House of Forme“ ausarbeitete, sich klar vom oft sehr minimalistischen asiatischen Coffeeshop-Design (auch für dieses hat das Buch spannende Beispiele parat) abzugrenzen. Und einen Urlaub für die Länge einer Tasse Kaffee zu bieten: Lichtdurchflutet, romantisch, mit warmen Kombinationen von Erd- und hellen Pastelltönen, Pool-Cabana-Bänken sowie gerundeten Formen, die dem Interieur einen Retro-Touch geben, erinnert das Café an klassische US-Diner der Fifties und Sixties. Spiegel u.a. unter der Decke sorgen im – sehr engen, sehr zugebauten – Hongkong für eine optische Weitung.
Ein anderes prägnantes Beispiel, das die Autorin ebenfalls aus Asien mitgebracht: Die „Anh Coffee Roastery“ in Ho Chi Minh City arbeitet nicht nur mit dem lokalen Rohstoff Kaffee (Vietnam ist zweitgrößter Produzent weltweit), sondern setzt das rote Basalt-Vulkangestein des vietnamesischen Hochlands in Szene. Es wurde hier nicht nur für die Errichtung von Wänden und Böden verwendet, sondern auch für die langen Tische im Außenbereich sowie für den Tresen. Holzmöbel sowie Tresentische und Metallgitter, die sich jeweils in imposanten Schlangenlinien durch die Location ziehen, lockern das Interieur auf – ein stimmiger Mix aus klaren, kantigen Formen und weichen Kurven als Kontrast.
Pfiffiges Produktdesign
Neben Cases für Raumgestaltung gibt es auch solche, die den Fokus auf innovative Packaging-Ideen richten – von der Verpackung des für zu Hause mitgenommen Röstkaffees über To-go-Becher bis zu Merchandising wie T-Shirts. Beispielsweise das mit markanten Blau-Weiß-Kombinationen arbeitende „Plouf“ aus Seoul sowie „Hidden Coffee Roasters“ aus Barcelona, das sein markant rotschwarzes Packaging-Design mit einem Wappentier kombiniert, den vom Aussterben bedrohten iberischen Luchs – hiermit zieht man eine Parallele zwischen der in Spanien wieder angesiedelten Wildkatze und Spezialitätenkaffees, deren Bohnen ebenfalls schutzbedürftig sind. Zwischen den Konzeptbeispielen, die von Buenos Aires bis Shanghai und von Montréal bis Byron Bay in Australien reichen, sind über das Buch „deep dives“ in Themenbereiche wie Markenentwicklung, Innovation, Gestaltung des Food- und Beveragemenüs sowie Tipps für das Tresendesign verteilt. Auch Tipps und Fragen für die perfekte „customer experience“ hält Kingston parat – von der richtigen Beleuchtung und Akustik bis zur Förderung des Gemeinschaftsgefühls.
Auf diese Weise ist „Designing Coffee“ nicht eine Case-Study-Rundreise, sondern auch ein generell gültiger Leitfaden. Eine Empfehlung für alle, die sich professionell wie aus privater Leidenschaft – meist fällt ja eh beides zusammen – mit Cafékultur beschäftigen und Lust auf neue Ideen haben.
Designing Coffee – New Coffee Places and Branding
von Lani Kingston hat 256 Seiten, kostet 45 Euro und ist im Gestalten Verlag erschienen.
Mehr Informationen hier.
Credits: p. 13 »Photo Courtesy of House of Forme, Designing Coffee, gestalten 2023«


















